Große Teile Deutschlands liegen zwar bekanntlich nicht am Meer, könnten aber ab 14. Juni doch im Meer untergehen. Im Fahnenmeer, versteht sich. Endlich ist es soweit und nicht die Welt, aber zumindest doch Europa ist ab sofort wieder zu Gast bei Freunden. Die Teutonen richten die angeblich nachhaltigste Fußball-Europameisterschaft aller Zeiten aus. Ein sustainable Factor sind die Stadien und ja, es ist schon eine Wohltat, wenn eine Fußball-Arena nicht einfach „Stadion 937“ heißt und wie beim No-Go-Turnier in Katar schon nach der Gruppenphase das Zeitliche segnet. Ein neues Sommermärchen in ähnlicher wirtschaftlicher Unstimmung wie 2006 soll es werden. In diesem Jahr kommt noch das weltpolitische Tohuwabohu als Risikofaktor dazu. Mitverantwortlich für Good Vibes in Good old Germany ist sicherlich das balltretende Personal, welches seit zwei guten Spielen unter dem longboardfahrenden Fußballlehrer Nagelsmann plötzlich wieder zum erweiterten Favoritenkreis zählt – trotz der etwas gewöhnungsbedürftigen Ausweichtrikotfarbe.
Den erfahreneren Deutschen, den man seit geraumer Zeit getrost als unseren „Lieblings-Piefke“ bezeichnen kann, haben wir Österreicher auf der Bank. Dem etwas biederen, quasi schon eingesteirerten Franco Foda zuvor, haben wir gar nicht mehr dem schwarz-rot-goldenen Coleur zugeordnet. Ich frage mich, ob uns die Experten mit jeder Nennung des Wortes „Geheimfavorit“ kleiner machen wollen. Denn bereits 2016 sprachen die mit Expertise behafteten Sprecher der Medien uns dieses Prädikat aus. Dann traf Alaba den Pfosten, Ungarn zwei Mal ins Netz und der Rest ist, wie es so schön heißt, Geschichte. Aber vielleicht werden wir heuer in der Mörder-Hammer-Todesgruppe ja zur vielbesungenen Turniermannschaft. Es wäre der geschundenen rot-weiß-roten Fußballseele zu vergönnen. Auch wenn sich, frei nach dem großen Franzobel, dann einiges umdrehen würde in einem Land wie Österreich. Unsere Hättiwari-Mentalität wäre in Gefahr und irgendwie haben wir ja ein äußerst ungesundes Verhältnis zum Erfolg. Der Neid ist hierzulande weit verbreitet und wenn man nicht neidig ist, dann spielt man das Reüssieren seiner Mitmenschen herunter und nimmt es nicht für voll. Möge der schwäbische Heilsbringer, der akademisches Fußballwissen mit Ted-Lasso-esken Motivationstechniken verbindet, den Österreichern in dieser Hinsicht das Österreichische austreiben.
Neben den Alpenkickern, die ja doch zum Großteil aus Wien und seinem Umland kommen, gelten noch gefühlt alle anderen Nationen als Geheimfavorit. Auch heuer im bunten Pool der Balljünger des alten Kontinents: Italien. Mein Lieblings-Champion von 2020(1) hat heuer scheinbar noch weniger große Sterne im Kader als beim Triumph vor drei Jahren. Auch ehrlich-sympathische Fast-Krückstock-Kicker wie Chiellini oder Bonucci haben sich in die Rente verabschiedet und der Rest der Truppe erscheint so farblos wie die schwungvoll in den Abwasch gegossene Mozzarellasalzlake. Schillernde Ausnahme: das menschgewordene Monochrom-Gemälde Gianluca Scamacca.
Die Spanier haben den Generationenwechsel vollzogen und verfügen über kickendes Personal, das auf den ersten und auch den zweiten Blick so heiß erscheint wie die Sommersonne an der Costa Blanca. Frankreich zeigt sich seltsam unharmonisch, hat aber eine hohe Dichte an Weltklassekickern und Trikots wie Nadelstreifenanzüge. Dazu einen bordeauxesk gereiften Antoine Griezman neben dem kleinen Ehrgeizbinkerl Mbappé und fertig ist das Rataouille zum Kontinentalsieger. Fußballromantiker wittern ja stets ein großes Turnier von den großen Fast-Pensionisten wie Toni Kroos oder Cristian Ronaldo. Oder macht das kroatische Team dem dalmatinischen Methusalem Luka Modric das schönste aller Geschenke und reicht ihm den EM-Pokal in seine warmen Hände? Viele können, alle wollen, einer muss: Das kann ganz schön was werden beim Nachbar.
Das Herz und auch meine bescheidenes Pseudo-Auskennen bei diversen Tippspielen hofft, dass der Football heuer endlich nach Hause kommt. Und rein nominell sieht das ganze ziemlich top aus. So leer die Supermarktregale im vom Brexit gebeutelten Inselstaat manchmal noch sind, so voll ist das Sortiment an Weltklassekickern bei den Three Lions. Dazu kommt der Release eines unfassbar sympathisches Kader-Release-Videos, in dem UK-Romantiker die Tränen der Rührung in die Augen schießen. Bleibt nur zu hoffen, dass alle Finalspiele in spätestens 120 Minuten zugunsten der Insulaner entschieden werden …
Als persönliche Vorbereitung habe ich bereits den einen oder anderen vergorenen Getreidesaft kaltgestellt, den Vorrat an fetten Kohlehydraten aka Knabbergebäck aufgefüllt und den Kalender zumindest für die Abendspiele geblockt. Und auch weil heuer wieder sowohl Masken, als auch negative Testergebnisse im Vergleich zur letzten Euro in die Mottenkiste gewandert sind, erwarten wir volle Fußballtheater, euphorische Gesichter und Anrainer- bzw. Anwohnernervenbetörende Autokorsos. Lasset das bunte Treiben rund um die Haut, wie das Spielgerät in Alt-Wien bezeichnet wurde, beginnen! Und hoffen wir, frei nach einem Unterradlberger Zuckersaftlhersteller auf einen friedlichen, spannenden und verhärtete Fronten erweichenden „Sommer wie damals!“
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