Nur noch die Chipsreste am Parkett und der Wasserrand der Biergläser am Resopaltisch sind neben dem ausgeweideten Nervenkostüm Zeugen des vergangenen Fußballabends. Österreich ist ausgeschieden. Auf die bitterste Art und Weise. Als besseres Team in der Wasserschlacht von Leipzig. Das tut weh – nicht nur den Protagonisten, sondern gefühlt jedem in diesem Land, der sich irgendwie mit der rot-weiß-roten Equipe identifizieren kann. Das Nationalteam sorgte dafür, dass sich eine Welle der Euphorie im Jodelland aufbauen konnte. Ihr prognostizierter Peak sollte jedoch zumindest noch eine Stufe höher ausfallen, das Viertelfinale wäre ein noch nie dagewesenes Phänomen in der Fußball-Neuzeit der Alpenrepublik. Doch dann beendeten die Wellenbrecher vom Bosporus jäh das rot-weiß-rote Streben nach Glück. Die Fallhöhe war jedoch, nach dem Gruppensieg und der Sensation gegen die Niederländer, höher denn je. Im Gegensatz zum unglücklichen Aus gegen den späteren Champion Italien vor drei Jahren fühlt sich das Ausscheiden heute noch viel schmerzhafter an. Und scheinbar gleitet man als heimischer Fußball-Aficionado wieder zurück in die brutale Normalität des Alltags, einen Alltag ohne dieses Nationalteam.
Viel las man im Laufe der letzten Wochen, dass Ralf Rangnick dem Team „das Österreichische“ ausgetrieben und den Glauben an sich selbst aufgepropft haben soll. Gerade im ersten K.O.-Spiel schien das fußballerische Künstlerpech, das unsere Mannschaft schon seit Generationen verfolgt hat, wieder zurückgekehrt zu sein. Wie oft haben wir den Satz „gut gespielt, aber unglücklich verloren“ in den letzten Jahrzehnten in diversen Gazzetten gelesen? Heuer strahlten Sabi, Baumi, Gregerl und Co etwas noch nie Dagewesenes aus: die scheinbare Gewissheit, es mit jedem aufnehmen zu können. Den Glauben an sich selbst, der ihnen der schwäbische Ted-Lasso-Verschnitt gab. Just im Achtelfinale kam scheinbar die Österreicherei wieder zurück, wurden die Chancen vergeben, trafen die Gegner zu den denkbar ungünstigsten Zeitpunkten und verteidigten die Partie dann mit Messern zwischen den Zähnen zu Ende. Und dennoch fühlte es sich anders an als bei den unzähligen Niederlagen davor. Allein das Meer an Tränen, dass unsere Kicker im Leipziger Rund vergossen, ist ein Symbol dafür, dass dieses Team und dessen Auftritt bei diesem Kontinentalturnier anders waren als alle anderen vor ihm.
In einem Land, wo Erfolge entweder mit Neid und Missgunst gebilligt oder durch Zynismus hämisch kleingemacht werden haben ein paar jungen Männer, die hauptberuflich Ball spielen, etwas geschafft, an dem die Politik derzeit vollends scheitert. Sie haben eine Erzählung von einem Team geschaffen, in dem unabhängig von Hautfarbe oder Familienhintergrund alle an einem Strang ziehen, geführt von einem Teamchef, der Empathie für jeden Einzelnen ausstrahlt. Und sie haben nie aufgegeben, auch wenn das Achtelfinale sicher nicht die beste Partie des ÖFB-Teams war und so mancher unter seinen Erwartungen geblieben ist. Es war trotzdem das schönste Turnier, dass wir jemals mit einer Fußball-Auswahl erleben durften – auch wenn „die Burschen“ zu früh von der EURO gegangen sind. In der Alpenrepublik, wo man nach Niederlagen im Fußball gerne abschätzig und lakonisch den Satz „die Österreicher sollen beim Ski fahren bleiben, das können’s wenigstens“ bemüht, hat die ÖFB-Auswahl im Jahr 2024 vielen Menschen im Land nicht nur den Frühsommer mit etwas unterhaltsamen Ballgeschiebe versüßt. Nein, sie hat, bei allem Pathos, mit jeder Faser ihres Tuns die Herzen der Menschen berührt. Und das ist, auch wenn Fußball nur nebensächlich und rational für die meisten absolut unwichtig ist, etwas, das nicht vielen gelingt.
