Die Welt um uns herum wird komplizierter, Künstliche Intelligenz wird bald das Denken, Sprechen, Pflegen und Kriege führen übernehmen, Sommertage und vor allem Nächte ohne Klimaanlage werden auch in Österreichs Städten schon bald zur schwitzenden Realität. In Anbetracht der sich rasend schnell ändernden Umstände ist es essenziell, sich selbst Wohlfühloasen zu schaffen und diese mit stetiger Regelmäßigkeit aufzusuchen. Eine Konstante meines Daseins befindet sich im siebten Wiener Gemeindebezirk, den bunten Straßenzügen zwischen Mariahilfer und Lerchenfelder Straße. Vielleicht fördert die Tatsache, dass ich zwischen Landbrauerei und Getreideacker aufgewachsen bin und die südlichen Gefilde des Landes nie verlassen habe, meine große Sehnsucht nach inspirierender Urbanität umso mehr. Nicht umsonst suche ich mir immer wieder Gründe, um regelmäßig aus meinem wahrlich nicht unbunten Alltag auszubrechen und das von vielen als „Bobostan“ geschmähte Grätzl aufzusuchen.
Bereits beim Verlassen der U6 an der Thaliastraße, die wahrlich nicht als Musterbeispiel architektonischer Schönheit durchgeht, erzeugt ein wohlig warmes Gefühl im inneren Niemandsland zwischen Brust und Bauch. Ein zweifaltiger olfaktorischer Mix aus osmanischem Schnellimbiss und österreichischer Wurstvielfalt marschiert rasant an die Nasenschleimhäute. Ein paar Schritte sind es nur bis zum magischen Dreieck aus der historistisch-klassizistischen Pracht der Altlerchenfelder Pfarrkirche, der Biedermeierschmuckschatulle Bernardgasse und der geschäftigen Lerchenfelder Straße, die nahezu minütlich vom Gleiten der Straßenbahnlinie 46 erbebt. Dazu der Würstelstand „Klasse Hasse“ am Eck, glücklicherweise seit geraumer Zeit runderneuert, und fertig ist das Gefühl des unendlichen Ankommens, das mich seit Jugendtagen in Atem hält.



Ja, es stimmt, der Neubau, wie der Siebte eigentlich heißt, hat sich in den letzte knapp 20 Jahren gewandelt. Fassaden wurden verputzt, Dachflächen ausgebaut und als in den frühen Zehnerjahren das exzessive Hipstertum den Weg aus Berlin-Kreuzberg in die Zone zwischen Gürtel und Innerer Stadt fand war das mit Zwang aufgeladene Anderssein nicht immer nur ausschließlich leiwand. Mittlerweile haben die Individualisten allerdings ihre Studien beendet und schieben ihre multifunktionalen Kindertaxis durch Schottenfeld-, Neubau- und Burggasse. Der Neubau wird wieder bürgerlicher und bleibt trotzdem bunt wie eh und je. Er stillt meinen Hunger nach der besonderen Ästhetik, welche Wien ausmacht und die andere deutschsprachige Metropolen wie München oder Köln niemals erreichen können. Die Sucht nach neuen Eindrücken wird beim Streifen durch den nur politisch grünen Bezirk vollauf gestillt und jedes neue Bäumchen wird, gemeinsam mit jeder neuen Begegnungszone, mit Wohlwollen registriert. Bunte Holzverbauten an kleinen Geschäften, neue Ideen und Impulse sowie ein menschenfreundliches Klima bestimmen das sich mir wie ein Theaterstück des Alltags darbietende Geschehen.



„Alles, was neu ist, passiert zuerst in der Stadt“, denke ich mir und schlendere auch gerne des Nächtens über Straßen, Plätze und Gassen, wenn mittlerweile wesentlich jüngere Menschen in Tapas-Bars, Second-Hand-Shop-Cafés und bunten Restaurants dem Hedonismus frönen. Ich genieße die flirrende Stimmung, das Stimmengewirr vor den Eingängen und die Tatsache, für einige Zeit Teil dieses Bühnenstückes zu sein. Und dennoch gibt es auch hier, im scheinbaren Mekka der Gentrifizierung mit all seiner Fritz Kola-Reklame und trendigen Ramen-Bars, noch das, was Wien im Innersten ausmacht. Wie etwa das mit dunklem Holz vertäfelte Beisl, das die mit herbem Charme gesegnete, aber trotzdem grundsympathische Wirtin seit zwei Jahrzehnten ihr „Baby“ nennt, existiert, inklusive der unaufgefordert hart-herzlichen Kundschaft, auch im Siebten noch. Und während zwei Typen mit Vokuhilas, Spätpubertierendenschnauzbart und unüberhörbar bundesdeutschem Idiom das Tschocherl passieren, hört man selbst dort Sätze wie: „Der Siebte is afoch der schenste!“ Teflonbeschichteter Hochglanz sieht anders aus, das echte Leben von Menschen, mehr oder weniger vom Schicksal gestreift, ist hier das Thema. Und die selbsternannte Boheme hat das, wofür man Wien kennt, noch nicht vollends verdrängt: „Der Weana is a oida Raunza, aber im Endeffekt taugts uns eh, do wo ma san.“ Das Mindset ist leicht grantig, herb, aber doch liebenswert und unendlich menschelnd – oft sogar bis an die Promilleobergrenze. Das selbstverständliche Du-Wort im Umgang macht die Dörflichkeit innerhalb der Großstadt hier noch perfekt.
Diese zeigt sich auch, wenn die Frau hinter der Wurst beim BILLA die Frau vor der Wurst mit „Guten Tag Frau Swoboda!“ begrüßt. Auch ich versuche mein über Jahrzehnte eingeprägtes rurales „Grüßgott“ in „Guten Tag“ zu transformieren, lande dabei aber letztendlich doch immer wieder bei der beliebigen und willkürlichen Zwischenlösung „Hallo“. Die Tatsache, dass es einfach praktisch ist, wenn man innerhalb von 15 Minuten Fußweg alle seine alltäglichen Besorgungen erledigen kann, kommt am imaginären Dorfplatz mitten in Wien noch dazu.



Auch wenn der Hipster (oder sein Vintage-Möbel-liebender Nachfolger) am Neubau eventuell schon eine aussterbende Spezies darstellt und in den 18., 15. oder gar 12. Bezirk gezogen ist, bleiben die Gefilde zwischen Gürtel und Volkstheater für mich das, was immer waren: ein unglaublich wohltemperiertes Biotop, in dem ich mich fühle wie ein Fisch im Wasser. Ich liebe es, die Straßenzüge mit den Gründerzeithäusern immer neu zu erwandern. „Man zergeht“ – niemand hat dieses Lustwandeln in der Wienerstadt je passender beschrieben als der große Gerhard Polt. Und wenn der Müßiggang landschaftlich auch grüner werden soll, hat die Bundeshauptstadt innerhalb von 20 Minuten nicht enden wollende Möglichkeiten, um im Mischwald die Eichkater zu füttern. Egal, was mich auch gen Nordosten treibt, ob Ausbildungen, Freundschaftsbesuche, Theaterabende: Alles nur Vorwände! In Wirklichkeit will ich einfach nur nach Wien!
