Briefe vom Katzentisch

Kiezwunder

Herzanker und Beatles-Platz, Talstraße und 24-Stunden-Kaschemme, Millerntor und Davidwache. All diese Stichworte stehen für den wohl prominentesten Stadtteil im deutschsprachigen Raum: St. Pauli. Was habe ich schon gehört, gelesen und wahrgenommen über die außergewöhnlichen Straßenzüge zwischen Nobistor, Sternschanze und Landungsbrücken.

Jeder Besuch auf dem Kiez bedeutet für mich eine Fülle an knallbunten Plastikeindrücken, die sich zur emotionalen Supernova hochschaukeln. Kein Platz scheint härter und fremder für Landeier wie mich. Ambivalenz an allen Ecken und Enden. Und die bittersüße Wahrheit, an welchen spinnennetzartigen Fäden unser aller Existenz hängt, ist scheinbar nirgends so einleuchtend wie hier. Am frühen Nachmittag schlendern nur wenige quallenartige Gestalten über die Große Freiheit (allein dieser Straßenname!), noch nimmt man trotz der strammen Bässe aus den Kneipen und Travestiebuden das maritim anmutende Möwengeheul war. Die runde Pflastersteinwüste am Eingang der Amüsiermeile hat man 2008 in Erinnerung an Paul, John, George, Ringo und den zur Hamburger Zeit noch aktiven Stuart Sutcliffe 2008 in „Beatles-Platz“ umbenannt. Zugegeben ein absolutes Mindestmaß an Anerkennung, haben doch die Beatles auf St. Pauli den Grundstein für ihre Weltkarriere gelegt. Während man an der Großen Freiheit dem Hedonismus in allen Facetten frönt, robben sich Obdachlose ohne Schuhwerk und Junkies mit fahlen Gesichtern über den angrenzenden Beatles-Platz. Rentner schieben einkaufswagenweise leere Pfandflaschen durch die Gegend. All diesen gestrandeten Persönlichkeiten sind die schemenhaften Darstellungen der „Fab Four“ wohl reichlich egal Eine Gruppe junger, rotgesichtiger Briten taumelt sichtlich abgefüllt durchs Getümmel. Aus einem Mercedes SL, der die Szenerie passiert, toben orientalische Klänge. Die Insassen tragen Goldketten, teure Sonnenbrillen und ihr Parfüm verströmt den scharf-würzigen Duft der osmanischen Migrantenszene. Süße und bittere Seiten, Ambivalenz in hochprozentiger, destillierter Form. Und all das in einem Umkreis von 50 Metern. Ein Bild, das für mich gut die Gesetze und Umstände des Stadtteils umreißt. Nirgendwo geht die Schere mehr auf als hier.

Nostalgiesucht

Es heißt ja, dass die Freie und Hansestadt Hamburg hinsichtlich der sich schluchtartig öffnenden Einkommensschere die „amerikanischste“ Großstadt in Deutschland ist. Nirgendwo leben mehr Millionäre, trotzdem bestreitet jeder Vierte seinen Unterhalt nur mit Sozialhilfe. In beide Richtungen schlägt dieses Pendel auch hier. Hafenromantik, Schnack und den Charme der 70er Jahre findet man in zahllosen Eckkneipen, deren Namen zumindest einen Mundwinkel rasant nach oben wandern lassen. Vor allem aber verströmen Läden wie „Zur scharfen Ecke“, „Zum Anker“ oder „Erika’s Eck“ das Versprechen an gute alte Zeiten. Jukebox in der Ecke, Hafendevotionalien oder Fußball-Merch aus vergangenen Tagen an den Wänden: das ist Kiez-Gemütlichkeit in Reinkultur. Auch mir wird warm ums Herz, wenn deutsche Schlager der 80er aus der eckkneipeneigenen Jukebox tönen und die Atmosphäre in Nostalgie tränken. Zwischen Roger Whittaker und Felix Deluxe gehen die Astra-Knollen mit dem Herzanker in Massen über das verschlissene Thekenholz. Die nie dagewesene, scheinbar „heile Welt“ – da blinzelt sie kurz für einen Moment auf und sorgt in Verbindung mit frisch gezapftem Pils für ein vorübergehendes emotionales Hoch. Drei junge Frauen, deren Körperbau und Gestalt unterschiedlicher nicht sein könnten, bewegen sich rhythmisch zu Titeln wie „Taxi nach Paris“. Dabei wandert ein kleines Briefchen von einem Gast, der die Kaschemme gerade betreten hatte, in die Hosentasche der untergewichtigen Spinnengestalt unter den dreien. Spaß und purer Ernst in Bruchteilen vor meinem Auge verpackt. So geschehen im Sekundentakt Dinge, die man als zeltfesterprobtes Landei nicht gefasst ist. Ebensowenig wie Öffnungszeiten von 24 Stunden am Tag oder „warme Küche von 17:00 bis 14:00 Uhr“. 

Menschenbündel

Durch ebendiese Attribute zeichnen sich die beiden sich gegenüberliegenden Kaschemmen am Hamburger Berg aus: „Zum Goldenen Handschuh“ und „Elbschlosskeller“. In letzteren musste man zu Beginn des ersten Lockdowns in der Corona-Pandemie angeblich neue Schlösser einbauen, da die alten nicht funktionsfähig und aufgrund der permanenten Öffnung jahrelang nicht mehr erprobt waren. Einblicke in die Leben hilfloser Menschenbündel gehören genauso zum Alltag wie die zuvorkommende und lebensbejahende Bedienung mit Herz, die alteingesessenen Kiezwirte aufs Tablett bringen. Und im Gegensatz zur österreichischen Bundeshauptstadt ist diese Freundlichkeit auch ehrlich gemeint. Dennoch hat auch hier alles zwei Seiten: Einerseits fühlen die Thekenbosse mit dem menschlichen Treibgut, andererseits leben sie von deren Alkoholsucht. Schärfer könnte die zweischneidige Schwertklinge nicht sein. Bei meinen Besuchen in besagten Lokalitäten (der große Heinz Strunk bezeichnete den Elbschlosskeller mal als „Vorhof zur Hölle“) ging es vergleichsweise unspektakulär zu. Bis auf tanzende Trunkenbolde, die den Junggesellenabschied mit billigen zeitgenössischen Schlagern feierten, war nicht viel los. Ein Eindruck, der sich generell niederschlägt: Der Kiez scheint auch immer mehr zum Ballermann für „harte“ Erwachsene zu werden. Reeperbahn statt Schinkenstraße. Was immer weniger ins Auge des lüsternen Betrachters sticht, ist die jahrzehntelange USP als Rotlichtviertel. 

Der Fußballclub, der Kondome verteilt

Der Herzanker der Biermarke Astra, der an nahezu jeder Hauswand prangt, ist das heimliche Logo von St. Pauli. Ein geniales Markenzeichen: Einfach, sympathisch und voll aufgeladen mit all den Werten, für die das Viertel steht. Einziger, in enger Freundschaft bestehender Mitbewerber, ist die Pirattenflagge des Underdog-LGBTIQ-Freibeuter-Vereines FC St. Pauli, dessen Millerntorstadion ungeachtet der Ligazugehörigkeit stets voll ist. Momentan reüssieren die Kiezkicker ja ganz passabel in der höchsten Spielklasse. Betritt man den Fanshop auf der Reeperbahn, der standesgemäß mit Türsteher versehen ist und jeden Tag bis 23:00 Uhr geöffnet hat, eröffnet sich einem die Vollvermarktung des Totenkopfs und Nutzung des Stadtteilimages in kommerzieller Hinsicht. Der Grat zwischen Kiez-Kitsch („ich hol mir mal ein nettes Fußball-Accessoire“) und authentischer Daseinsberechtigung als sympathischer Underdogverein ist schmal. Ich persönlich mag den Club, seine Fans und die Werte, für die er steht, sehr gerne. Und wo sonst als hier werden beim Einkauf an der Kasse kostenlos Präservative in Totenkopfverpackung verschenkt?

Rude Vibes

Summa Summarum habe ich St. Pauli einmal mehr als harten, aber doch manchmal allem Menschlichen gegenüber wohlwollenden Ort wahrgenommen. Ein Ort mit süßen und bitteren Seiten, der an manchen Schauplätzen doch eine verruchte Welt aus Gewalt und Armut ist, in die unsereins sich nur traut, seine Nase kurz hineinzustecken. Jeder Gang auf den Kiez ist für mich ein Balanceakt, wie weit ich mich von meiner Neugierde treiben lasse. Was kann ich mitnehmen? Und was kann ich getrost auslassen? St. Pauli lädt dazu ein, Risiken einzugehen und sich seinen eigenen Ängsten zu stellen. Was bei mir für erhöhten Blutdruck sorgt, ist hier Alltag.  Denn hier leben und sterben Kriminelle, vom Leben Gestreifte und Paradiesvögel nebeneinander. Ein Hamburg ohne St. Pauli wäre ein Hamburg ohne Düsterkeit und Gefahr, ohne Neonlicht, aber vor allem ein Hamburg ohne Seele.

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