„Forza Viola“, „Schwarze Seele Kärnten“, „Kommando Lindwurmstadt“ – das einzige, was derzeit in Klagenfurt vom bekanntesten Fußballclub der Stadt zu sehen ist, sind unzählige Aufkleber an Laternen, Stromkästen oder Müllcontainern. Die Fußballstadt Klagenfurt am Wörthersee, die über ein grenzenlos überdimensioniertes Stadion, das zweitgrößte Österreichs verfügt, darbt vor sich hin. Die Insolvenz des SK Austria Klagenfurt, einem Konstrukt, das mir und meinen Gleichgesinnten große Hoffnung gab und zeitweise auch viel Freude bereitete, löscht die Landeshauptstadt der überregionalen Fußballlandkarte. Von „umgehend Rekurs gegen den Insolvenzantrag“ bis zu „es macht einfach mehr Sinn, in der Regionalliga neu zu starten“ vergingen gerade einmal zwei Wochen. Mit fortlaufenden Jahren, in denen die SEH Sports Entertainment Group von den Karajica-Brüdern die Geschicke lenkte, klagte man über das „schwierige wirtschaftliche Klima“ in Kärnten und dass einfach kein Hauptsponsor, abseits des unsäglichen 28 Black-Intermezzos, in der lokalen Wirtschaft zu finden sei. Welches Ansehen das Unternehmen nach wahrscheinlichen Zahlungsausfällen bei seriösen Partnern, abseits der fragwürdigen Goldspekulations-Klitsche des neuen Präsidenten, haben wird, sei dahingestellt. Den Verein jetzt auf Kosten der Gläubiger zu sanieren ist wohl das fatalste Signal an jegliche wirtschaftlichen Player, die ein Sponsoring dieses Konstruktes wohl in Zukunft meiden werden wie der Teufel das Weihwasser.

Was mich aber, neben der Frisur des neu im Führungsteam engagierten Ex-Nationalspielers, am traurigsten macht: Mein eigener Glaube ist verschwunden. Endgültig. Und der Rasen im Stadion ist nur noch verbrannte Erde. Die Spiele im Frühjahr, die aufgrund der „Perspektive für die Mannschaft“ vor einer Geisterkulisse fertiggespielt werden, sind egal und werden niemanden mehr zur Austria locken – egal, wie viel die Tickets kosten. „Mein Verein“ spielt – und es ist mir egal. Und das ist einfach tragisch. War ich zu naiv, mich dem violetten Projekt voll hinzugeben? Oder nehme ich Fußball und alles, was rundherum passiert, zu ernst?
Beginnen wir von vorne. Wir schreiben das Jahr 1998. Österreich spielt bei der Fußball-Weltmeisterschaft, Namen wie Polster, Herzog oder Vastic kommen zwar nicht über die Vorrunde hinaus, und dennoch ist bei einem 8-jährigen Kärntner die Faszination für ein Ballspiel auf gepflegtem Grün geweckt. Die Anschaffung von Satellitenfernsehen lässt bald, ob der Nicht-Anwesenheit von lokalen Fußballclubs in der höchsten Spielklasse, das Fußballvirus dank der deutschen Bundesliga weiter gedeihen. Sendungen wie „ran – Sat.1 Bundesliga“, die auch auf Entertainment setzen, machen Samstag, 18:00 Uhr, für mich zum TV-Pflichttermin, Ravilla-Limonade und Knabbergebäck inklusive. Ein paar Jahre später steigt plötzlich ein Team auf, das ein ganzes Bundesland repräsentieren soll: der FC Kärnten, eine Fusion aus Austria Klagenfurt und dem VSV, wird Cupsieger und einige Jahre Erstligist. Die Begeisterung ist groß, das alte Wörtherseestadion voll, die Vermarktung für damalige Verhältnisse professionell. Es gab das Trompete spielende Maskottchen Reini, einen Fuchs, der Kindern die Hände drückte, in die vorher demonstrativ gespuckt hatten – Volksschüler-Mutprobe. Es gab klingende Namen wie Hota und Maric, Bubalo und Ambrosius. Es gab Fanklubs mit Namen wie „Amigos“ oder „Barrakudas“. Nach einiger Zeit und dem Wechsel der Vereinsfarben auf Sonnengelb war die Show vorbei. Landesvater Haider baute ein Stadion für 30.000 Menschen und wollte natürlich, dass standesgemäß ein erstklassiger Verein im neuen Ufo spielt. Weil der FCK den Aufstieg nicht und nicht schaffen wollte, begrub er diesen und kaufte eine Bundesliga-Lizenz von einem oberösterreichischen Transportunternehmer. Als FCK-Fan nahm ich ihm das damals irgendwie übel und gleichzeitig wunderte ich mich, wie egal das den zahlreich kostenlos ins Stadion geladenen Fußball-Enthusiasten aus Kärnten war. Stell dir vor, ein Fahrstuhl-aber-Traditionsclub wie der VfL Bochum schafft den Aufstieg nicht mehr und ein schangeliger Präsident kauft einfach die Lizenz eines schwächelnden Emporkömmlings a la Heidenheim. Plötzlich ist man, rein hypothetisch, wieder erstklassig. In Deutschland undenkbar. In Österreich, wo Bundesligaklubs kommen und gehen, leider Alltag. Frag mal nach in Pasching, Mattersburg, Grödig oder Wiener Neustadt.
Dazu ein kleiner Exkurs zu meine Fußballverständnis. Ich mag den Sport nicht wegen Taktikdiskussionen, neumodischer Kommentatorenphrasen („zu wenige Spieler in der Box“) oder dem achtzehnten Wettanbieter als Vermarktungspartner. Mir gefallen die Geschichten rundherum. Ich liebe es, dass jedes Spiel mit null zu null anfängt und im Grunde nicht alles, aber doch vieles passieren kann. Das ein Fehler ein Spiel entscheiden kann. Ich liebe die olfaktorische Mischkulanz aus Bierdunst, Zigarettenrauch und Stadionrasen, der im Abendtau feucht wird. Ich liebe das Grummeln in einer Stadt, das Kommend und Gehen um das Stadion vor einem Spiel. Das Gefühl, das hier heute etwas Denkwürdiges passiert, das viele gemeinsam teilen werden. Ich liebe Emotionen und exakte Analysen, obwohl man auf der Tribüne zwischen zwei Fahnen und hinter einem Großgewachsenen genau gar nichts von der Elfmetersituation gesehen hat. Ich liebe das Trikot, dieses magische Stück Stoff, das mit Bedeutung und Zuschreibungen aufgeladen ist wie sonst nur goldene Altäre in Barockkirchen. Ich mag Dinge wie Vereinsfarben, Wappen, die Identifikation von Menschen mit unterschiedlichsten Lebensrealitäten für eine gemeinsame Sache – zumindest in 90 Minuten. All das macht für mich dieses banale Ballspiel so reizvoll. Es hat Relevanz.

Klagenfurt ist eine Stadt, die zwar in wunderschöner Umgebung liegt und deren Lebensqualität, sieht man von der mürrischen, auf nichts bauenden Unfreundlichkeit ihrer Bewohner ab, hoch anzusiedeln ist. Dennoch hat die Lindwurmstadt, wenn man ehrlich ist, in keiner Hinsicht Relevanz. Wirtschaftlich ist man kein Big Achiever, touristisch muss man Klagenfurt nicht gesehen haben, wenn man beispielsweise von Übersee Österreich besucht, und irgendwie wird Kärnten für vieles über die Region hinaus belächelt. Der Fußball tut sich hier traditionell schwer, weil die Kärntner sich für eine Randsportart auf Kufen begeistern, von der ich mich, nach zuvor intensiven Eishallenbesuchen, aus vielen Gründen etwas entfremdet habe. Dazu zählten sicherlich auch chauvinistische und herabschauende Urteile über den Klagenfurter Fußball. 2010 zog ich in die Lindwurmstadt und freute mich, dass mein zukünftiger Wohnort nur wenige Gehminuten vom Stadion-Ufo entfernt liegt. Vielleicht geht ja was. Es ging was. Das Zweitligajahr endete, nach einem furiosen Aufstieg in der Relegation gegen Parndorf, mit dem üblichen Konkurs, die Svetits-Bender-Ära ging zu Ende. All das ging jedoch, warum auch immer, emotional spurlos an mir vorüber. Vielleicht wusste ich insgeheim schon, dass da noch was kommen sollte. Es kam etwas. #Klagenfurtkommt war die Parole, mit der der Zweitligaaufstieg fixiert wurde. Die neuen Investoren ließen den für immer einzig wahren Stadionsprecher und Austria-Chronisten Christian Rosenzopf lautstark den „freien Eintritt im nächsten Heimspiel“ propagieren, St. Pölten wurde in der Relegation klar geschlagen und 2021 hieß es: Erstklassigkeit. Plötzlich wähnte unsere Viererpartie auf der Westtribüne, die in der internen Messenger-Gruppe von wir in Anlehnung an den Pet Shop Boys-Song „West End Boys“ genannt wurde, sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. 13.000 Zuschauer im ersten Derby gegen den WAC, Polterabend im regenreichen Heimspiel gegen Tirol, Wehmut ob der Corona-Geisterspiele, der Einzug in die Meistergruppe – das und mehr blieb vom ersten Jahr. Die Abos wurden verlängert. Grandiose Auswärtsderbys beim Kärntner Provinzklub im hässlichsten Stadion der Bundesliga und ein surreal schöner Auswärtssieg bei Rapid bleiben als Höhepunkte meines violetten Daseins immer in Erinnerung. Stets war auch die Gesellschaft unserer Partie, ein paar lose Existenzen, die zu großen Teilen der Fußball zusammengebracht hat, wichtiger Bestandteil für mich. Einschlafen vor Würstelständen, Pizzastangerl in Hartberg, 7 Biere und Gegentore in Graz, Rapidler, die ob der Niederlage am Pissoir über ihr Leid klagen – es waren in Summe wunderbare Momente mit einzigartigen Typen. Danke an Alex, Jürgen, Ingo und immer wieder auch Benji – ihr wart und seid großartig.

In der Retrospektive begann das Unheil für mich mit dem skurrilen Abgang mitten in der Saison von Goalgetter Markus Pink nach China. Auch wenn in der letzten Meistergruppen-Saison noch Salzburg in einem grandiosen Match mit 4:3 zu Hause bezwungen werden konnte, war für mich spätestens im Sommer 2024 klar: Es geht nur gegen den Abstieg. Das Intermezzo Hinteregger, das verheißungsvoll begann, aber höchst nebelig endete, war nur ein kurzer Hoffnungsschimmer. Eigenes Unvermögen und ein ungünstiger Spielverlauf bedeuten am 23. Mail 2025 den Abstieg. Während bei verhältnismäßigen Dorfvereinen wie beispielsweise der SV Ried solide gearbeitet wird und auch zwei Jahre in der sowohl wirtschaftlich als auch hinsichtlich der Öffentlichkeitswirksamkeit unattraktiven 2. Liga überstanden werden können, fällt bei uns das Kartenhaus sofort zusammen. „Die neu zusammengestellte Mannschaft kann nichts für den Abstieg“, war mein Credo. Abo verlängert, nun auf der Südtribüne, aufkeimende Hoffnung, guter Saisonstart. Doch bereits als im Herbst die sportliche Seuche begann war klar, es ist ein Tod auf Raten. Insofern überraschte der Konkurs am 20. Februar 2026 niemanden mehr. Die handelnden Personen geben wenig Hoffnung auf einen stabilen Neuaufbau, der, wenn er sinnvoll und mit Fokus auf die Jugend gestaltet wird, wesentlich länger dauern würde als mit schnellem Geld. Die wichtigste Frage ist: Wozu? Wie verwegen muss man sein, um im Fußballstandort Klagenfurt noch Potenzial zu sehen? Ein vollkommen überdimensioniertes Stadion, in dem auch in erfolgreichen Zeiten nie Euphorie aufkam, ist schon längst kein Argument mehr. Die in den letzten Jahren zart wieder aufkeimende Fanszene setzt mit ihrem Boykott der bedeutungslosen Frühjahrsspiele ein Zeichen. Ob sich die zumindest im Fanverband „Wir Austrianer“ organisierte Zusammensetzung in voller Zahl für die Regionalliga oder gar die Kärntner Liga begeistern kann, ist fraglich. Fußball auf hohem Niveau werden wir in Klagenfurt wohl so schnell nicht mehr zu sehen bekommen. Als 2023 mein Sohn zur Welt kam, spazierte ich ihm manchmal beim architektonisch unscheinbaren Clubhaus, in dem das Austria-Stüberl untergebracht ist, vorbei und erzählte dem schlafenden Säugling im Kinderwagen von der Austria und das wir auch einmal im Stadion Bundesliga schauen werden. Das von der in den letzten Jahren wieder aufkeimenden Fanszene an der weißen Mauer angebrachte Kunstwerk nährte meine Emotionen. Zu sehen sind Vater und Sohn, die Hand in Hand gemeinsam Richtung Stadion ziehen, violett und weiß adjustiert. Der Traum ist ausgeträumt.

Alle, die noch vor fünf Jahren beim Aufstieg „Wart nur ab, das wird nix“ gesagt hatten, haben wieder recht behalten. Der Alltags-Chauvinismus des Klagenfurters hat wieder gesagt. Und ich habe einmal mehr für meine Naivität und die blinde Hoffnung, dass Fußball in dieser Stadt begeistert, mit Schmerz und Enttäuschung bezahlt. Die Austria stirbt – und es ist scheinbar jedem egal. Zu großen Teilen den Medien, den grundsätzlich Fußballinteressierten, allen Playern, die in Kärnten etwas zu sagen haben. Fußball hat auf der verbrannten Klagenfurter Erde keine Relevanz. Und das macht mich am meisten traurig.
