Alles bleibt anders. Steigt man barfuß zwei mal zu unterschiedlichen Zeiten in den selben Fluss, so ist in der Zeit dazwischen nichts von Bestand, nichts ist mit Ewigkeit gesegnet. Wasser, Mensch, Untergrund: Alles ist im stetigen Wandel. Das ewige Fließen der „Überschäumenden“, wie die Gail früher von denen, die an ihren Ufern leben genannt wurde, ist der stete Gegensatz zum Kreislauf des kalten Naturwassers in der Mauthner Karibik, dem Waldbad zu Mauthen oder schlicht „Mauthner Badl“ genannt. Von Gästen geschätzt, von Einheimischen geliebt, strotzt das Idyll am Eingang des wilden Valentintales, neben schroffen Institutionen wie dem „alpinen Marterpfahl“, nur so vor Lieblichkeit. Gespeist vom Gebirgsbach, umsäumt von Schotterbänken und Seerosen, etagenweise blumige Augenweiden (aufgrund meiner botanischen Nichtbildung ohne Namen), Molche, manchmal sogar Ringelnattern. Und ein Selbstbedienungsautomat, der mit Schlitzohrigkeit und der Nähe zum Süden besticht. Mineralwasser ohne lästiges österreichisches Pfand von den „Tropfen der Carnia“ aus der Südseite der Kellerwand, Lemon Soda, Aperitivo-Rohscheiben von San Carlo: die Grenze ist nah. Einzig die herbe, blonde und bepfandete Schönheit nennt sich Gailtalerin und kommt aus der fußläufig entfernten Bierzauberei, die nach Verkostung der handgemachten Köstlichkeiten auch mit entsprechenden Schlafgemachen aufwartet. Oft ist das „Badl“ Ziel und Startpunkt von Ausritten mit dem hauseigenen Carbonesel, der auch jenseits der Grenze, nämlich im Veneto, mit seinen japanischen Komponenten zusammengesteckt wurde. Am Fuße des Polinik lässt sich dieser noch unversperrt parken. Ein Umstand, vom dem geplagte Großstädter nur träumen können. Wie grindig muss ein Rad bitte noch sein, ohne dass es Ziel von Fladeranten wird?
Der Doppelort am Gailfluss, dessen Lebensadern in drei Richtungen ausschlagen, wurde lange seiner Hauptarterie mit Aura, nämlich jener nach Süden beraubt. Momentan ist die Reanimierung geglückt, man möge hoffen, dass die Kubikmeter an steinernen Zeugen aus dem Großen Krieg am Kleinen Pal hängen bleiben. Eine Exkursion in ein Italien abseits vom Leben auf der Aperolspur, dass der gemeine Kärntner kennt, loht sich in jedem Fall. Sprachinseln, geprägt von Menschen, die schon vor Jahrhunderten das Glück im nahen Süden gesucht haben. Ursprüngliche Orte und abenteuerliche Wege, die viele bereits verlassen haben. Jene, die blieben, sind jetzt „FVG“ und ziehen gefühlt immer mehr Abenteurer an, die von fremdländischen Sandalenträgern am Fuße der Drei Zinnen genug haben. Almsennerinnen, die aus Milch von aus kuhästhetischer Sicht kaum zu überbietenden Montafonerrindviechern Mozzarella herstellen. Nebenan erzeugt Teresia unglaublich weichteigige „Ripieni“ mit einer Fülle aus Almkäse, Rucola und Zitrus – Haubenniveau auf 1.521 Metern, aber ohne großes Tamtam und Anrichtetechniken wie aus einem Laubsägewerk, die beim Anblick schon ein schlechtes Gewissen ob des banalen Fressens des Kunstwerks aufkommen lassen. Verpflichtendes Zurücksetzen an Engstellen, weil der Fiat Panda des Gegenübers keinen arbeitenden Retourgang mehr hat. Wissen tut man das von der Gestik des bärtigen Friulaners von Gegenüber und dem Wortlaut „Kaputt, Kaputt!“ – eines der Bruchstücke seines deutschen Wortschatzes, das er wohl schon öfter gebraucht hat. All das verleiht dem Bi-Ort am obersten Talende, bevor die Wege in alle Richtungen steil ansteigen, einen Hauch von Bicultura. Ob über den Plöcken, der sich in Jahrtausenden in den Karnischen Hauptkamm gefletscht hat, den sanften Gailberg mit seinen nördlichen Kehren und der Perspektive durch das Kärntner Tor nach Lienz oder das Lesachtal, ungeschönt und unverklärt: In alle Richtungen wartet eine andere Form an Buntheit. Kötschach mit seiner immer noch beeindruckenden Domkirche in spe, von der eine Miniversion in Laas und eine Minimundusversion auf dem Friedhof am Ortseingang steht. Hier gibt es ein Cafe Central, vom Brunnen am Kirchplatz fließt unentwegt das flüssige Element – Panta rhei, einmal mehr. Mauthen mit seiner verwunschenen Aura, basierend auf Gebäuden, deren Patina schon länger um sich greift. Retro, mit Herz, Charme und „wir-scheißen-uns-nix“-Mentalität. Vom Nassfeld westwärts ist diese umso ausgeprägter, man orientiert sich in alle Richtungen, nicht nur in den Kärntner Zentralraum, ist quasi „das Tal dazwischen“. Almen, die unter zunehmender Trockenheit ihren Gaumenschmeichler namens „Gailtaler Almkäse“ mit immer mehr Aufwand erzeugen, stoßen so manchem tirolerprobten deutschen Urlauber mental vor den Kopf wie der Grenzbalken in der Vor-Schengen-Ära. Keine Inszenierung, kein Dirndl, keine elektrische Schiebetür und auch kein „Retreat“ für Arbeitende aus der Bundesrepublik. Dafür Handwerk und Hackln. ein Ort an dem Hands-on-Mentalität schon selbstverständlich war, bevor sie ihren Siegeszug in jedes von Unscheinbarkeit geprägte Jobinserat angetreten hat. Alm, wie sie eigentlich gedacht war. Sommerfrische für das Vieh. Intensiver Sommerjob für die laborierende Zunft – und das dies- und jenseits der Staatsgrenze.

Und sonst: Trotz Hitzewelle sitzt der Schreiber kurz vor Sonnenuntergang mit einem leichten Jäckchen bekleidet vor dem Herzensdomizil, der Gemütlichkeitsoase mit Reißkofelblick kurz vor der Almstraße, das letzte Taldomizil, das asphaltiert erreichbar ist. Kein Glamour, aber Vollausstattung. Eher Datscha, niemals Chalet. Frischer Wind aus dem nahen Wald frischt auf und wirbelt etwaige Sonnensegel und Tischdecken durch die Luft. Er gehört dazu wie der Blick auf den steinernen Kofel, der sich mit seinem Kalkstock wie ein hohler Zahn vom so zahnlosen Fichtenwald abhebt. Und wenn der Wärmegarant unseres Sonnensystems regelmäßig hinter der Nase des Bösen Weibleins in den Lienzer Dolomiten das Zeitliche segnet entlockt dies sogar dem abgebrühtesten Zyniker ein romantisches Seufzen. Aus dem Graben hinter uns kommt der Wind, über den Karnischen Kamm kommt der Süden. Das verheißungsvolle Tal dazwischen spielt seine Stärken voll aus. Herzlich die Menschen. Gesichter, die in Erinnerung bleiben. Rauschend der Fluss. Und ich genieße.

